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Das war das Forum Mobilitätswende zu Schienenreaktivierungen: Alte Gleise – neue Chancen

Das Forum Mobilitätswende der GRÜNEN Landtagsfraktion zeigte, wie Reaktivierungen stillgelegter Bahnstrecken neue Verbindungen schaffen, die Regionalentwicklung und den Klimaschutz stärken. Etwa 80 Expertinnen und Experten diskutierten im Deutschhaus des Landtags gemeinsam mit Mobilitätsministerin Katrin Eder sowie der GRÜNEN Landtagsfraktion Erfolge, laufende Projekte und nächste Schritte.

Rund 80 Fachleute aus Mobilitätspraxis und Wissenschaft kamen bei der von der mobilitätspolitischen Sprecherin der GRÜNEN Landtagsfraktion, Dr. Lea Heidbreder, moderierten Veranstaltung zusammen, um Projekte, Verfahren und Finanzierungswege für eine starke Schiene zu diskutieren. Im Mittelpunkt ihrer Überlegungen zur Zukunft der Schiene standen mögliche Reaktivierungen in Rheinland-Pfalz und damit verbunden ein Kapazitätsausbau. Die Debatte verband Praxiswissen aus Kommunen, Verbänden und Unternehmen mit politischen Entscheidungsträger:innen.

Klimaneutrale Mobilitätswende: Sondervermögen zeitnah umsetzen

Die GRÜNE Fraktionsvorsitzende Pia Schellhammer betonte die Bedeutung der Schiene für Teilhabe, Wirtschaft und Klimaschutz und verknüpfte dies mit der Finanzierungsfrage. Damit die vielen rheinland-pfälzischen Projekte zur klimafreundlichen Umgestaltung der Verkehrsinfrastruktur vorangebracht werden könnten, müsse das Sondervermögen des Bundes jetzt zeitnah umgesetzt werden.

Mobilitätsministerin Katrin Eder: Bahnstationen zu Umsteigepunkten modernisieren

Katrin Eder stellte Erfolge, laufende Arbeiten und die nächsten Schritte ihres Hauses dar. Zu den aktuellen Projekten zählten die Sanierung der Hochleistungskorridore Linker/Rechter Mittelrhein sowie der Strecke Ludwigshafen–Kaiserslautern–Saarbrücken (POS Nord), der Wiederaufbau samt Elektrifizierung und Stellwerkstechnik an Eifel- und Ahrtalbahn sowie das Akkunetz in der Pfalz. Parallel laufen Kapazitätserweiterungen, etwa an den Strecken Mainz-Frankfurt oder Mainz-Alzey. Es gehe aber auch um den Substanzerhalt des bestehenden Bahnnetzes. Hier nannte Eder exemplarisch die Grundsanierungen des Mainzer und Ludwigshafener Straßenbahnnetzes für mehr als 100 Mio. Euro. Beide Straßenbahnnetze sollen nach Willen der Kommunen perspektivisch ausgebaut werden, in Ludwigshafen unter dem Namen „Pfalztram“.

Besonders stellte Ministerin Eder die Modernisierung von über 140 Bahnstationen heraus. Bis 2031 sollen mehr als 130 Stationen modernisiert werden. Das dafür geplante Investitionsvolumen beträgt rund 585 Mio. Euro. Seit Beginn der Legislaturperiode bis 2025 sind laut Eder bereits 38 Modernisierungen von Bahnstationen begonnen worden, 26 weitere gingen 2026 in die Umsetzung. Das Ziel der GRÜNEN in der Landesregierung ist es, an allen größeren Bahnhöfen das Umsteigen auf den Zug mit der Einrichtung von Mobilitätsstationen zu erleichtern. Es sollen barrierefreie Umsteigepunkte geschaffen werden, an denen das Fahrrad sicher untergestellt werden kann, der Bus auf die Bahn abgestimmt ist und das E-Auto laden kann, während man mit dem Zug weiterfährt.

Eder: Entscheidungen zur Reihenfolge von Reaktivierungen in zwei Jahren möglich

Beim Thema Reaktivierungen hob Eder das landesweite Ranking mit zusätzlichen RLP-Faktoren wie Klimaschutz, Tourismus und Resilienz hervor. In rund zwei Jahren seien Entscheidungen über die Umsetzungsreihenfolge der Projekte möglich. Eder bekräftigte: Strecken mit Nutzen-Kosten-Wert ≥ 1,0 gehen in die sogenannte Leistungsphase 1 und 2 (HOAI) über. Genannt wurden u. a. die Eifelquerbahn (1,17), Kasbachtalbahn Linz–Kalenborn (1,12), Koblenz–Bassenheim (2,63), die Brexbachtalbahn Siershahn–Neuwied (3,89), die Glantalbahn Nord Staudernheim–Lauterecken-Grumbach (1,44), die Zellertalbahn (2,03), die Strecke Landau–Germersheim (1,86) und die Wieslauterbahn Hinterweidenthal Ost–Bundenthal (1,33). Für Projekte, zu denen aktuell noch Datengrundlagen fehlen – etwa die Hunsrückbahn und die Aartalbahn – laufen vertiefte Prüfungen. 
Zur Finanzierung verwies Eder auf GVFG-Förderquoten von bis zu 90 Prozent der Infrastrukturkosten bei einer Kosten-Nutzen-Untersuchung (NKU) ≥ 1,0 und ordnete die Landespriorität klar ein. Ihr Mobilitätsministerium arbeite mit Volldampf am Thema Reaktivierungen - Noch nie in der Geschichte von Rheinland-Pfalz seien im Land für so viele Strecken Planungen begonnen worden, sagte Eder. Dies verband Eder mit dem Hinweis, dass Trassensicherungen, Güterperspektiven oder saisonaler Verkehr mögliche Optionen bleiben, wenn ein regulärer Schienenpersonennahverkehr zunächst nicht zustande kommt. 
Als sichtbare Erfolge nannte Eder die fertiggestellte Weststrecke Trier, den Start für die Verbindung Homburg–Zweibrücken und die laufende Ertüchtigung der Wieslauterbahn. Rheinland-Pfalz nehme beim Thema Reaktivierungen weiter einen Spitzenplatz ein. Reaktivierungen seien Generationenprojekte, die gleichwertige Lebensverhältnisse schaffen und realen Klimaschutz leisten. 

Prof. Dr. Fabian Wenner: Fünf Impulse für die Schiene

Prof. Fabian Wenner (Hochschule RheinMain) verortete die Reaktivierungsdebatte historisch: Die Phase der Stilllegungen sei 1996 zu Ende gegangen, 2010 sei die Talsohle erreicht worden, seither zeige die Kurve bundesweit wieder nach oben. Rheinland-Pfalz ordnete er im Ländervergleich auf Rang vier ein – bezogen auf Einwohnerzahl oder Fläche sogar besser. Zugleich sei bundesweit das Tempo bei der Umsetzung verhalten: Zwischen positiven Nutzen-Kosten-Bewertungen und tatsächlichen Reaktivierungen bestehe weiterhin eine spürbare Lücke. Daraus leitete er die Frage ab, wie die bekannten Potenziale konsequenter in Verfahren, Bau und Betrieb überführt werden können.

Seine Antwort bündelte Wenner in fünf Impulsen, die aufeinander aufbauen. Erstens sollten positive externe Effekte stärker gewichtet werden: ÖPNV sei Daseinsvorsorge, sichere Erreichbarkeit und wirke auf die Regionalentwicklung – als Beispiel nannte er entlang der Schnellfahrstrecke Frankfurt–Köln in der Region Montabaur/Limburg ein dauerhaft um 8,5 Prozent erhöhtes BIP. Zweitens plädierte er für Reaktivierungen als Teil eines Gesamtkonzepts, etwa in Verzahnung mit dem Landesbusnetz, wie es in Rheinland-Pfalz angelegt sei. Drittens müssten Verkehrs- und Siedlungsentwicklung zusammen gedacht werden – multimodal, mit attraktiven Bahnhöfen – während unpassende Förderkulissen bislang bremsten. Viertens gelte es, Barrieren wie finanzielle Engpässe, rechtliche Hürden, PKW-Gewohnheiten und fehlende Trassensicherung systematisch abzubauen. Fünftens sollten Chancen genutzt werden: lokale Initiativen, instandgehaltene Infrastruktur – etwa im touristischen Verkehr – sowie die Rückendeckung von Kommunal- und Landespolitik. Mit Blick auf seine fünf Impulse sah Prof. Dr. Wenner das Land Rheinland-Pfalz auf einem guten Weg.

Podiumsdiskussion und Workshops vertiefen die Debatte

Die anschließende Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Fabian Wenner (HS RheinMain), Michael Heilmann (ZÖPNV Süd), Jutta Blatzheim-Roegler, MdL, Dr. Christoph Zimmer (BPV Consult) und Florian Wiesemann (Mainzer Mobilität) nahm sowohl bundesdeutsche als auch internationale Best Practice-Beispiele in den Blick und diskutierte spezifische regionale Potentiale im Land. In zwei abschließenden Workshops vertieften die rund 80 Expertinnen und Experten ihre Debatte zu den Reaktivierungen begünstigenden Rahmenbedingungen sowie den Chancen von Reaktivierungen für die Regionalentwicklung.

FAQ

Die Schiene verbindet Klimaschutz, Teilhabe und wirtschaftliche Entwicklung. Pia Schellhammer betonte, dass zahlreiche Projekte zur klimafreundlichen Verkehrsinfrastruktur nur dann umgesetzt werden können, wenn das Bundes-Sondervermögen zeitnah aktiviert wird. Eine starke Schiene ist damit ein Grundpfeiler der klimaneutralen Mobilitätswende.

Mobilitätsministerin Katrin Eder hob zahlreiche Projekte hervor: die Sanierung der Hochleistungskorridore am Mittelrhein, den Ausbau der Strecke Ludwigshafen–Kaiserslautern–Saarbrücken (POS Nord), die Elektrifizierung von Eifel- und Ahrtalbahn, das Pfälzer Akkunetz sowie Kapazitätsmaßnahmen rund um Mainz. Gleichzeitig wird der Substanzerhalt von Straßen- und Stadtbahnnetzen in Mainz und Ludwigshafen vorangetrieben.

Bis 2031 plant das Land die Modernisierung von über 130 Bahnstationen mit einem Gesamtvolumen von rund 585 Mio. Euro. Ziel ist es, barrierefreie, komfortable Umsteigepunkte zu schaffen – inklusive Radabstellmöglichkeiten, Ladepunkten für E-Autos und besserer Abstimmung zwischen Bus und Bahn.

Das Land nutzt ein landesweites Ranking mit zusätzlichen RLP-Faktoren wie Klimaschutz, Tourismus und Resilienz. Strecken mit einem Nutzen-Kosten-Wert ≥ 1,0 gelangen in die Leistungsphase 1 und 2. Genannt wurden u. a. die Eifelquerbahn, Kasbachtalbahn, Brexbachtalbahn, Glantalbahn Nord, Zellertalbahn sowie Landau–Germersheim und die Wieslauterbahn. Weitere Prüfungen laufen etwa für die Hunsrückbahn und Aartalbahn.

Bei einem positiven Nutzen-Kosten-Wert (NKU ≥ 1,0) können Projekte über das GVFG mit bis zu 90 % gefördert werden. Das Land setzt klare Prioritäten und arbeitet laut Ministerin Eder „mit Volldampf“ an der Planung – so viele Reaktivierungsplanungen wie derzeit gab es in Rheinland-Pfalz noch nie.

Prof. Dr. Fabian Wenner benennt fünf entscheidende Hebel: stärkere Gewichtung positiver externer Effekte, Integration in ein gesamtes Mobilitätskonzept, Verknüpfung von Verkehrs- und Siedlungsentwicklung, Abbau von Barrieren (rechtlich, finanziell, infrastrukturell) sowie die Nutzung lokaler Initiativen und politischer Rückendeckung. Rheinland-Pfalz sieht er dabei auf einem sehr guten Weg.

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